Interior-Kerzen für Kerzenhersteller: Sollte man sie herstellen, warum sie wichtig sind und wie man sie richtig bepreist



Dieser Artikel richtet sich an Einsteiger in der Kerzenherstellung, die verstehen möchten, warum Interior-Kerzen benötigt werden, welche Formate sinnvoll sind, wie sie aussehen sollten, wie man sie bepreist und wer sie tatsächlich kauft.

1. Warum Kerzen im Interior Design wichtig sind


Für professionelle Interior Designer ist eine Kerze nicht „nur ein Duft“. Eine gute Interior-Kerze bringt gleich drei Dinge zusammen:
1. Licht: ein weiches, warmes, lebendiges Licht statt einer kalten Deckenlampe.
2. Form: ein dekoratives Objekt, das Couchtisch, Regal oder Kaminsims komplettiert.
3. Duft: eine Stimmung für den Raum: Ruhe, Fokus, „Zuhause-Gefühl“.

Kerzen gehören zu den einfachsten Mitteln, um:
    • eine gemütliche Abendatmosphäre zu schaffen,
    • wichtige Bereiche im Raum zu betonen,
    • einen Raum emotional erinnerbar zu machen.

2. Wo und wie Kerzen tatsächlich eingesetzt werden


Aus realen Interior-Projekten:

Wohnzimmer

    • Gruppen aus Behälterkerzen und Stumpenkerzen auf Couchtisch, Konsole oder am Kamin.
    • Kombiniert mit Büchern, Tabletts, Vasen und kleinen Objekten.
Esszimmer/Küche
    • Tafelkerzen auf dem Tisch für Alltag und festliche Anlässe.
    • Dezent duftende Kerzen, die nicht mit Essensgerüchen konkurrieren.
Schlafzimmer
    • Eine oder zwei sanft duftende Kerzen auf Nachttisch oder Kommode.
    • Ruhiges, gedimmtes Licht zum Runterkommen.
Badezimmer
    • „Home Spa“: Kerzen rund um die Badewanne, auf Regalen und Ablagen.
Homeoffice oder Arbeitszimmer
    • Eine schlichte Kerze auf Schreibtisch oder Regal, um eine kleine „Insel“ aus Komfort und Fokus zu definieren.
Diese realen Use Cases zu verstehen, ist entscheidend: Sie machen keine „abstrakten Produkte“ – Sie schaffen Werkzeuge für genau diese Situationen.

3. Wer Interior-Kerzen wirklich kauft

Wenn Sie in „Interior“-Kategorien denken, wird Ihre Zielgruppe breiter und professioneller.

3.1. Private Kundinnen und Kunden (B2C)

Sie kaufen:
    • über Ihren Onlineshop, Marktplätze, Instagram, auf Märkten und Messen,
    • für sich selbst und als Geschenk.
Was sie von Ihnen brauchen:
    • klare Fotos „im Interior“,
    • einfache Sprache: „fürs Wohnzimmer“, „fürs Schlafzimmer“, „fürs Badezimmer“,
    • einen Preis, der sich wie eine gute Alternative zu bekannten Marken anfühlt (nicht verdächtig billig, aber auch kein unerreichbarer Luxus).

3.2. Interior Designer


Für Designer ist die Kerze ein Tool, nicht nur ein hübsches Objekt. Worauf sie achten:
    • konstante Qualität,
    • vorhersehbare Düfte (die Kundschaft sollte sich nicht beschweren),
    • eine neutrale, flexible Farbpalette,
    • gute Großhandelskonditionen (oft etwa 50% vom Retail-Preis, mit einem vernünftigen Mindestbestellwert).
Praktischer Schritt:
Erstellen Sie einen PDF-Katalog für Designer mit:
    • Interior-Fotos,
    • Größen, Farben, Düften,
    • Großhandelspreisen und Mindestbestellmengen.

3.3. Deko-Shops und Concept Stores

Sie wollen:
    • ein klares, kompaktes Sortiment für ihre Regale (z.B. 3–4 Düfte, 2 Größen Behälterkerzen, einige Stumpen-/Tafelkerzen-Optionen),
    • Packaging, das visuell verkauft,
    • genug Marge zwischen Ihrem Großhandelspreis und ihrem Retail-Preis.

3.4. HoReCa, Events, Gifting

Restaurants/Hotels kaufen meist:
    • Tafelkerzen und Stumpenkerzen für Tische und öffentliche Bereiche,
    • dezente Düfte, die Essen oder bestehende Raumdüfte nicht überdecken.
Corporate Gifting, Bauträger, Event-Agenturen lieben:
    • Sets aus 2–3 Kerzen,
    • individuelles Packaging, Logo-Etiketten, Branding-Karten.
Dieses Segment schätzt Zuverlässigkeit und Flexibilität mehr als romantische Geschichten.

4. Welche Formate von Interior-Kerzen sich zu produzieren lohnen

4.1. Behälterkerzen: Ihr Kernprodukt

Designer und Shops lieben Behälterkerzen, weil sie:
    • sicherer sind (das Wachs ist im Gefäß),
    • visuell sauber wirken (auch wenn die Kerze nicht brennt),
    • sich in fast jeden Interior-Stil leicht integrieren lassen.
Praktische Empfehlungen.

Volumina:
    • 90–120 ml: klein – Tester, Badezimmer, Nachttische.
    • 180–230 ml: die wichtigste „Arbeitskerze“ für Wohnzimmer und Schlafzimmer.
    • 300+ ml: größere Interior-Piece, kann das Zentrum einer Komposition sein.
Materialien:
    • mattes oder satiniertes Glas,
    • massive Keramik,
    • Beton / Stein für rauere oder minimalistische Interiors.
Formen:
    • schlichter Zylinder oder Tumbler,
    • niedrige, breite Schalen (meist mit 3–4 Dochten).

4.2. Stumpen- und Skulpturkerzen: Interior-„Objekte“

Stumpen- und Skulpturkerzen stehen:
    • am Kamin,
    • auf Konsolentischen,
    • in saisonalen und festlichen Arrangements (Weihnachten, Herbst, Hochzeiten).
Was sinnvoll ist zu produzieren:
    • 2–3 Durchmesser und 2–3 Höhen, die sich gut in Gruppen kombinieren lassen.
    • Farbpalette: neutrale Basis (Elfenbein, Warmweiß, Greige, Grau, Schwarz) + einige saisonale Akzentfarben.
    • Skulpturkerzen: Fokus auf Form und Oberfläche; der Duft sollte sehr leicht sein oder ganz fehlen – sie müssen auch unangezündet gut aussehen.

4.3. Tafelkerzen/Dinner Candles

Tafelkerzen sind Klassiker für:
    • Tischdekoration,
    • Restaurants,
    • Hochzeiten und Events.
Parameter:
    • Länge ca. 25–30 cm,
    • verkauft im Set (2, 4 oder 6 Stück),
    • meist ohne Duft oder mit sehr zartem Duft – sie sollten nicht mit Essensaromen kollidieren.

4.4. Duftlinien vs. rein dekorative Linien

Oft ergibt es Sinn, zwei parallele Linien zu führen:
    • Duftende Interior-Kerzen: für Licht + Duft (meist Behälterkerzen).
    • Rein dekorative Kerzen: für Form und Farbe (Stumpen, Skulptur, Tafel), oft ohne Duft.
So bedienen Sie beide Bedürfnisse: Atmosphäre und visuelles Styling.

5. Welche Düfte eine Interior-Kerzenmarke haben sollte

Denken Sie Duft als zusätzliche Design-Schicht. Unterschiedliche Räume brauchen unterschiedliche Funktionen. Eine minimale „Starter“-Duftkarte für Zuhause:
    • Wohnzimmer: einladend und warm – Hölzer, Harze, weiche Gewürze, ein Hauch Gourmand (Vanille, Tonka, Tabak-Akkord).
    • Schlafzimmer: Entspannung – Lavendel, Iris, sanfte Florals, Hölzer, Moschus.
    • Küche/Essbereich: kompatibel mit Essen – Zitrus, grüne Noten, Kräuter, leichte Florals; saubere, transparente Kompositionen.
    • Badezimmer/Spa: Eukalyptus, Minze, marine Noten, klare „Spa“-Akkorde.
    • Homeoffice/Bibliothek: Hölzer, Leder, rauchig, „inkig“ oder Library-Noten.
Für Einsteiger sind 4–6 gut strukturierte Düfte viel besser als ein zufälliger Katalog von 30 Ölen. Sie bauen ein System auf, kein Duft-Chaos.

6. Wie Interior-Kerzen aussehen sollten

Interior-orientierte Marken setzen auf Form, Textur und Palette – nicht auf laute Dekoration.

Gefäße:
    • schlichte, klare Formen,
    • matte / satinierte Oberflächen,
    • taktile Materialien: Keramik, Beton, dickes Glas.
Farbphilosophie:
    • Basis: Weiß, Elfenbein, Greige, Grau, Schwarz;
    • 1–2 Akzentlinien pro Saison (z.B. Oliv, Terrakotta, Tiefblau).
Labels:
    • gut lesbare Typografie,
    • saubere Logo-Platzierung,
    • minimales visuelles Rauschen – die Kerze darf in einem hochwertigen Interior nicht billig oder „zu busy“ wirken.
Ihr Ziel: eine Kerze, die ein Designer gern in ein fertiges Projekt stellt – nicht in einem Schrank versteckt.

7. Pricing: ein einfacher, ehrlicher Rahmen in Euro

7.1. Starten Sie mit den Vollkosten pro Einheit (COGS)

Berechnen Sie für jedes Format die Vollkosten pro Stück:
    • Wachs, Duft, Docht, Gefäß, Deckel, Etiketten, Box,
    • Ihre Arbeitszeit (wie viele Kerzen Sie realistisch pro Stunde produzieren und was Ihre Stunde wert ist),
    • ein fairer Anteil an Overheads (Miete, Equipment, Tests, Marketing, Website, Steuern).
So erhalten Sie Ihren COGS pro Kerze (z.B. 5 €).

7.2. Zielmarge


Ein nachhaltiges Kerzenbusiness zielt meist auf:
    • eine Bruttomarge von ca. 50–65%.
Eine einfache Arbeitsregel, die viele Maker nutzen:
    • Großhandel ≈ 2 × COGS,
    • Retail ≈ 3–4 × COGS.
Beispiel:
Wenn der COGS einer 200-ml-Interior-Kerze etwa 5 € beträgt:
    • Großhandelspreis: ca. 10 €,
    • Retail-Preis: ca. 18–22 € (je nach Positionierung und Markt).
Das ist typisch für das Segment „gute Mitte/zugängliches Premium“.

Mit stärkerem Branding, teureren Gefäßen und Packaging kann die gleiche 200-ml-Größe leicht 22–28 € oder mehr kosten. Große Multi-Docht-Kerzen in schwerem Glas oder Keramik liegen oft im Bereich 60–120 €+ – völlig normal im Premium-Interior-Segment.

7.3. Preise nach Format und Kanal anpassen

Behälterkerzen 180–230 ml
    • COGS oft ca. 4–6 €,
    • Großhandel: ca. 9–12 €,
    • Retail: ca. 18–28 €.
Stumpen- / Skulpturkerzen
    • weniger Packaging, aber mehr Wachs und Handarbeit;
    • der Preis wird stärker von Design und Einzigartigkeit getrieben – näher an kleinen Kunstobjekten.
Tafelkerzen
    • verkauft im Set,
    • geringerer Stückpreis,
    • Farbe und Brennqualität (kein Tropfen, stabile Flamme) sind wichtiger als komplexes Packaging.
Kanäle:
    • eigener Onlineshop/Marktplätze: Retail-Preise (3–4 × COGS),
    • Interior-Shops und Concept Stores: Großhandel (sie kalkulieren oft etwa x2 von Ihrem Großhandelspreis bis zum Regalpreis).

8. Praktische Szenarien (kurze „Case Studies“)

Case 1. Kleine Marke für private Kundschaft

Sortiment: 4 Düfte in 200-ml-Behälterkerzen (COGS ca. 5 €).
Pricing: Retail 19–21 €.
Positionierung: „Interior-Sojawachskerzen“, modern, cosy, nicht Ultra-Luxus, aber klar über Supermarkt-Niveau.
Kanäle: Onlineshop, Instagram, lokale Märkte.
Ergebnis: Marge reicht für Materialien, Tests und Basis-Marketing.

Case 2. Linie für einen Interior-Showroom

Sortiment: neutrale Kollektion in mattem Glas 30 cl, 3–4 ruhige Düfte, Holzdeckel, Box.
COGS pro Kerze: ca. 6–7 €.
Großhandelspreis: 13–15 €.
Empfohlener Retail-Preis: 28–32 €.
Plus: eine exklusive Farbe passend zur Showroom-Palette (leicht höher bepreist).

Case 3. Premium-„Object“-Kollektion

Sortiment: große 3-Docht-Kerzen 400–600 ml in schwerer Keramik oder dickem Glas, limitierte Palette, komplexe Düfte.
COGS: leicht 12–20 €+ pro Kerze (teures Gefäß, viel Wachs, Handarbeit).
Retail-Preis: 60–120 €+, positioniert als Deko-Objekt, nicht nur als Kerze.

Solche Pieces sind näher an Designer-Home-Dekor als an „nur Home Fragrance“.

9. Kernaussagen für Einsteiger

Interior-Kerzen sind Design-Tools: Licht + Form + Duft, nicht nur „etwas, das gut riecht“.

Fokussieren Sie sich auf die Formate, die Designer wirklich nutzen:
    • Behälterkerzen (klein, mittel, groß),
    • ein paar Stumpengrößen,
    • Tafelkerzen im Set.
Bauen Sie eine strukturierte Duftlinie für verschiedene Zonen des Hauses statt einer zufälligen Ölliste.

Lassen Sie Ihre Kerzen ruhig, taktil und interior-friendly wirken – sie müssen in einem fertigen Projekt natürlich aussehen.

Setzen Sie Preise auf Basis realer COGS und klarer Positionierung, mit 50–65% Bruttomarge als Ziel – statt „was sich heute okay anfühlt“.

Denken Sie daran: Ihre Kundschaft sind nicht nur Privatkäufer, sondern auch Designer, Shops, HoReCa und Gifting-Services – jede Gruppe hat eigene Bedürfnisse.